Das Rätsel Georgikirche
In verschiedenen Aufzeichnungen und Schriften findet sich der interessante Hinweis, dass bei Grabungsarbeiten im Jahre 1903 an der Nordwand der Kirche „… in 2,64 m Tiefe 3 Gerippe mit Bronzeschmuck und eine arabische Münze (900 – 1100) ausgegraben …“ wurde. Leider ist nicht mehr nachvollziehbar, ob und von wem dieser Schmuck untersucht wurde; der heutige Verwahrungsort war leider nicht zu ermitteln. Seine Datierung hätte vielleicht etwas weitergeholfen. Aber: Wie kommt eine arabische Münze aus der Zeit der ersten Jahrtausendwende auf den Georgiberg?
Diese Frage zu beantworten hilft vielleicht ein Blick auf die Figur an der Kirchennordwand (solange sie noch als solche zu erkennen ist). Sie trägt offensichtlich ein Kettenhemd mit ebensolcher Kapuze, die gefalteten Hände lagen vermutlich auf dem Knauf eines (heute nicht mehr vorhandenen) Langschwerts. Was soll aber der deutlich erkennbare Wulst an der Kapuze? In zeitgenössischen Miniaturen sieht man, dass die Ritter des ersten Kreuzzuges hauptsächlich diese Kettenhemden mit angeschmiedeter Kapuze trugen; den Helm setzte man nur zum Kampf auf. Damit dieser nun fest saß und nicht auf den eisernen Ringen rutschte, und natürlich auch um die Wucht der Hiebe zu dämpfen, war im oberen Kopfbereich ein solcher Wulst eingearbeitet, sozusagen als „Passer“ für den Helm. Wenn wir nun also wissen, dass der erste Kreuzzug von 1096 – 1099 stattfand, eine arabische Münze aus dieser Zeit in einem Grab gefunden wurde und diese Steinplastik die typische Rüstung dieser Zeit trägt, dann ist das sicher ein Indiz dafür, dass die Anlage im 11. Jahrhundert bereits existierte.
Ein weiterer Aspekt: Die bei der Ausschmückung der Kirche verwendeten Materialien lassen den Schluss zu, dass der Bauherr (und damit der Burgherr) zu den wohlhabenden Adeligen gehört haben muss. Der Oberputz, auf den dann die Farben aufgetragen wurden, ist mit Quarzsand (mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Vintschgau) versetzt; diese Quarzpartikel verliehen den Farben im Licht der Fackeln und Kerzen eine geradezu magische Leuchtkraft. Aus diesem Grund war er ein sehr begehrtes Baumaterial und wurde zeitweise im wahrsten Sinn des Wortes mit Gold aufgewogen. Aber auch die Farben selbst lassen Rückschlüsse zu: Das Blau der Fresken enthält als Pigment gemahlenen Lapislazuli; dieses Halbedelsteinpulver war zwar recht ergiebig in seiner Anwendung, aber natürlich auch entsprechend teuer. Der Herr auf dem Georgiberg hat sich seine Kirche ganz offensichtlich Einiges kosten lassen – und konnte es sich auch leisten.
Wenden wir uns der Apsismalerei zu: Dieses Fresko zeigt Christus als Pantokrator in der doppelrahmigen Mandorla, umgeben von den Evangelisten, zwei Gerichtsengeln (dominationes / Herrschaften, das sind Engel der 2. Hierarchie, die Befehle des Höchsten ausführen), einem Ritter und einem Mönch (zuweilen auch interpretiert als Peter und Paul) sowie begrenzt von zwei Schmuckbändern.
Diese Art der Darstellung bezeichnet man auch als „Majestas Domini“: Christus sitzt auf dem Thron, dessen Säulenarchitektur das himmlische Jerusalem symbolisiert; zu seinen Füßen die Welt (irdische Bauwerke). Der doppelte Rahmen spiegelt das mittelalterliche Denken in zwei Räumen, dem überirdisch göttlichen und dem weltlich profanen wider. Das Buch verweist auf die Sündenregister, der geöffnete Mund und die erhobene Rechte mit den Schwurfingern auf den Urteilsspruch des Weltenrichters.
Um ihn herum sind die Evangelistensymbole angeordnet, die jeweils wiederum als eigene Sinnbilder stehen. Diese Art der Darstellung nennt man auch Tetramorph nach den Tiergestalten. Sie versinnbildlichen zugleich das Wesen Jesu: Matthäus als Mensch bzw. Engel steht für das Leiden des Menschensohnes, (Christus als ganzer Mensch), Lukas, dargestellt als Stier, versinnbildlicht den Opfertod, der Löwe des Markus überwindet durch seine Stärke den Tod und Johannes, der Adler, kann als einziges Tier direkt in die Sonne schauen und symbolisiert somit die Himmelfahrt.
Das Besondere an dieser Art der Darstellung liegt darin, dass sie auf eine um 850 in Tours, der Stadt St. Martins, entwickelte Grundform zurückgeht. Diesem Vorbild folgend wurde sie zu einem Standardmotiv für Apsismalereien im hohen Mittelalter. Typisch ist die Anordnung: oben Mensch und Adler, unten Stier und Löwe; in den späteren Darstellungen wenden beide Tiere den Kopf nach oben, dem Herrn zu (was aber in unserer Kirche nicht der Fall ist). Etwa ab 1150 verschwindet die Majestas Domini als Apsisschmuck und erscheint dann in der Gotik als Plastik über dem Hauptportal (Tympanon).
Nach unten abgeschlossen wird dieses Fresko von einer doppelten Arkadenreihe. In der oberen, rundbogigen sind die klugen und die törichten Jungfrauen aus dem Gleichnis zu sehen (siehe Matth. 25, 1-13).
„Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug. Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl, die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit. Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen! Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus. Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht. Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen. Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: „Herr, Herr, mach uns auf!“ Er aber antwortete ihnen: „Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“
Im mittleren, dem 11. Bogen, der asymmetrisch von der unteren Spitze der Mandorla durchbrochen wird, sind nur noch Reste der Bemalung erkennbar. Ein genauer Betrachter sieht aber den guten Hirten mit dem Lamm auf der Schulter, geschmückt mit der Kreuzesfahne. Interessant und auffällig ist dabei der direkte räumliche Zusammenhang der beiden Christusdarstellungen in seiner unterschiedlichen Ausprägung als Hirte und als Herrscher.
In der unteren, spitzbogigen Arkadenreihe sind die 12 Apostel dargestellt; das 13. mittlere Feld nimmt ein - die Form der Leibung aufgreifendes - Alabasterfenster ein. Dieses Fenster bietet vor allem am frühen Morgen bei Sonnenaufgang einen tiefen Eindruck, wenn die Sonnenstrahlen den Altar in goldenes Licht tauchen. (Ob so auf das Christuswort „Ich bin das Licht.“ hingewiesen werden soll?)
Das zweite außerordentliche Kunstwerk in unserer Kirche ist das romanische Kruzifix. Wir sehen hier allerdings nur eine Kopie des Bildhauers Otto Kobel aus dem Jahre 1979; das Original befindet sich seit über 200 Jahren im Bayr. Nationalmuseum in München; der Platz an der südlichen Längswand ist zudem noch unhistorisch. Ursprünglich trennte es als Schranke, auf dem Triumphbalken stehend, den Kirchenraum vom Chor, so dass die Gläubigen in der Vertikalen den direkten Bezug vom Weltenherrscher über den Gekreuzigten, dem Lamm Gottes (im mittleren Bogen) und dem Priester als Verkündiger des Gotteswortes erkennen konnten. (Siehe Abb. und Text weiter unten)
Dabei stellt das Kruzifix selbst in seiner Ausführung eine Besonderheit dar: völlig untypisch für die Epoche zeigt der Gekreuzigte bereits frühgotische Einflüsse: Zwar sieht man noch die parallele Beinstellung (ein Fußklotz war vielleicht ursprünglich noch vorhanden), doch das gesenkte Haupt mit Dornenkrone, geschlossenen Lidern und schmerzverzerrtem Mund sind sehr „moderne“ Stilelemente für diese Zeit – v. a. in unserer Region. Ähnliches ist eher in Westfrankreich zu finden – einem der Zentren der königlichen und kaiserlichen Macht, wie z. B. Tours …
Vergleichen wir diese Kunstwerke mit bekannten, datierten Kirchenbauten, dann kommen wir nicht an St. Peter und Paul auf der Reichenau vorbei. Das auf das frühe 12. Jahrhundert datierte Apsisfresko zeigt ebenfalls eine Majestas-Domini-Darstellung, allerdings in einer sehr viel weiter entwickelten Form: die Evangelistensymbole wenden ihre Köpfe Christus zu, die Cherubim stehen auf Feuerrädern und die gesamte Ausgestaltung wirkt noch prächtiger. Aber: Das Konstruktionsprinzip der Ausmalung ist nahezu identisch mit der in St. Georg hier in unserem Ort.
Einige Worte zur Reichenau sind an dieser Stelle notwendig: Seit dem Ende des 8. Jahrhunderts nahm die Reichenau eine zentrale Stellung im Machtgefüge des Karolingerreiches ein. Hier wurden wichtige königliche Gefangene untergebracht, so z. B. der geschlagene Sachsenherzog Widukind, der in diesem Kloster seine Tage als Mönch beschloss. Abt Waldo verwaltete ferner das Bistum Pavia und führte zeitweise die Geschäfte des Bistums Basel. 806 wurde er von Kaiser Karl als Abt nach St. Denis bei Paris berufen. Einer seiner Nachfolger, Abt Heito III., war auch Erzbischof von Mainz und damit Kanzler des Reiches. 895 begleitete er Arnulf v. Kärnten zu dessen Krönung nach Rom und brachte von dort das Haupt Georgs als Reliquie auf die Reichenau.
Die Reichenau war darüber hinaus in ihrer „goldenen Zeit“ zwischen 800 - 1000 ein Zentrum der Buchillustration; das Skriptorium stand in regem, auch personellem Austausch mit den anderen bedeutenden klösterlichen Schreibwerkstätten dieser Zeit bis hinauf nach Trier und Tours. In den großen Handschriften aus dem 10. und 11. Jahrhundert, so z. B. dem Evangeliar Ottos III., finden sich zahlreiche „Majestas Domini“ - Darstellungen als Buchillustration mit z. T. identischen Konstruktionsdetails.
Sicher, all dies ersetzt nicht einen urkundlichen oder archäologischen Beweis; jede einzelne dieser Verbindungslinien für sich allein wäre auch nicht hinreichend, daraus die o. a. Schlüsse zu ziehen. In ihrer Summe aber ergeben sie ein Netz aus Indizien und Traditionslinien, das meiner Meinung nach tragfähig genug ist, auch in diese Richtung weiter zu forschen, was leider aus Geld- und Zeitmangel nicht möglich war. So erscheint jedenfalls das Jahr 1180 für die Erbauung der Kirche reichlich spät angenommen – vielleicht findet sich doch noch irgendwann ein Beleg, der die Vermutung, dass diese Anlage 100 bis 150 Jahre älter ist, untermauert.
Autor: Gerd F. Thomae
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